Joe

Kannst Du Dir das vorstellen? Mehr als 400.000 Menschen, die sich versammelt hatten, um ein Teil der Musikgeschichte zu werden. Ob ihnen das damals schon bewusst war?

Und sie waren frei. Frei von so vielen Dingen. Keine Handys. Kein Internet. Auch frei von Konservierungsstoffen. Frei im Geist. Frei im Denken. „Revolution“ war eine praktizierte Tagesaufgabe und nicht nur ein Begriff aus dem Lexikon. Gut. Vielleicht nicht für jeden – aber für sehr viele.

Und dann stand da diese, für damalige Zeiten gigantische Bühne inmitten eines Ackers und ein Genius nach dem Anderen erklomm sie und ließ sich fallen. Gab einfach alles. Damals zählten noch Stimme, Kreativität und Message. Grateful Dead, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Richie Havens und und und … und eben auch Joe Cocker.

Warum Zeiten nachträumen, die man doch gar nicht selbst erlebt hat? War doch nicht meine Zeit! Stimmt. Einfach gesagt – die Liebe meines Vaters zu dieser Musik war es. Paps hatte diesen handgemachten Sound verehrt. Ihn gespürt. Ihn gelebt. Und das hat mich irgendwann dann auch infiziert. Mich mitgenommen.

2005 war ich mit meinem Vater in der Standhalle bei dem Live Konzert mit Cocker. Und Joe, der alte Haudegen haute doch wahrlich diesen wahnsinnigen Urschrei in dem Song „With A Little Help From My Friends“ raus. 35 Jahre nach Woodstock erschuf dieser Mann noch immer so eine gewaltige Aura. Bei dem Gedanken an dieses Konzert und diesem Moment bekomme ich direkt wieder eine Gänsehaut. Immer wieder.

Nun ist Joe tot und es fühlt sich an als wäre ein Teil von mir mit ihm gegangen. Mir ist gerade bewusst geworden, dass ich nie wieder ein Konzert mit ihm erleben werde und das tut weh. Sehr weh. Aber seine Lieder bleiben und wie bei so vielen Dingen eben auch die Erinnerungen, die ich damit verbinde.

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Nackte Angst

Letzte Nacht hat mich ein Traum aus dem Schlaf gerissen. Noch viele Stunden später beschäftigte er mich. Jeder weiß, dass Träume nicht immer gleich strukturiert oder auf ein und derselben Zeitachse ablaufen müssen. Das Gehirn verarbeitet im Schlaf Unmengen an Informationen. Lässt Protagonisten, Örtlichkeiten, Emotionen schlagartig wandeln und dadurch keine Möglichkeit ein klares Bild des Traumes wiederzugeben. Aber letzte Nacht … der Traum war so erschreckend real, wie eine Erinnerung, die nicht verblassen will oder nicht kann.

Der Traum handelte von meiner Familie und von meinen Freunden. Unter freiem Himmel an einem See saßen wir alle beisammen. Wir feierten irgendetwas. Hatten Spaß. Lachten. Aßen. Die Kinder tobten und tanzten um uns herum. Bunte Farben überall. Und plötzlich hielten alle schlagartig inne. Angst, Entsetzen, Fragen, Ungläubigkeit – all das lass ich in Ihren Gesichtern. Ich war Ihnen zugewandt und stellte fest, dass sie alle durch mich hindurch und an mir vorbei auf den Horizont starrten. Ich drehte mich also um und sah dieses gleißende Licht. War völlig geblendet. Es brannte in meinen Augen. Mit der Hand vor dem Gesicht versuchte ich durch dieses Licht hindurch zu sehen. Vergebens. Und so schnell wie dieses Licht am Horizont auftauchte, verschwand es auch wieder. Totale Stille. Vom Licht geblendet tastete ich nach der Hand meiner Frau, die neben mir saß. Sie wiederum zog unsere Tochter zwischen uns. Ich sah meiner Frau ins Gesicht und sah diese Angst. Diese nackte Angst.

Und im nächsten Augenblick kam eine schwarze Welle, schwarze Wolke … nein eine schwarze Wand auf uns zugerast. Alles schwarz. Schwarz.

Hochgeschossen, lag ich auf einem Arm aufgestützt in meinem Bett. Mein Herz hämmerte mir in der Brust. Ein Traum. „Das war nur ein Traum“ wurde mir klar. Meine Frau schlief tief und fest neben mir. Ich rappelte mich auf und verschwand in der Küche. Ein Glas Wasser sollte für Erfrischung und klare Gedanken sorgen. Mein Blick fiel auf die Uhr an der Mikrowelle. Es war 04:36 Uhr. Mitten in der Nacht.

Auf dem Weg zurück zum Schlafzimmer blieb ich vor dem Zimmer meiner Tochter stehen. Lauschte. Öffnete sacht die Tür und sah sie im fahlen Schein des Mondlichts liegen. Ich ging zu ihr ans Bett und zog ihr die Bettdecke hoch. Sie sah so unschuldig aus, wie sie da lag mit ihrem Lieblingskuscheltier im Arm. Keine Ahnung, wie lange ich da noch an ihrem Bett stand. Mir war mehr als nur bewusst, wovon ich nur Minuten zuvor träumte.

Ich hoffe, dass dieser Moment nie kommen wird und auch meine Tochter und meine Enkel und deren Kinder und Enkel dieses Ende niemals sehen werden.

Zurück in meinem Bett spukten mir diese Gedanken noch lange durch den Kopf. Schlussendlich entließ mich ein einziger Wunsch zurück in meinen Schlaf. Falls irgendwann dieser unsagbare Moment kommen sollte, der alles beendet und alles was es gibt mit sich nimmt, dann möchte ich bei meiner Familie sein. Ich möchte dann nicht alleine sein. Die Angst vor dem Alleinsein überwiegt so viel mehr als die Angst vor dem Ende.

Ist das normal?

Allet Jut!

Diese 2 Sätze bringt man mir in letzter Zeit immer öfter entgegen: „Alles gut bei Dir?“ und „Du bist heute so nachdenklich.“

Um da ein paar Missverständnisse aus dem Weg zu räumen – Ja, mir geht es an und für sich recht gut. Ich kann physisch keine Probleme benennen und psychisch belastbar bin ich wohl auch. Quasi kerngesund. Glaube ich zumindest. Und die vermeintliche Nachdenklichkeit ist das Resultat eines jahrelangen Trainings, bei dem ich versuche höchst angestrengt zu wirken, obwohl mir just in diesen besagten Momenten einfach mal gar nix durch den Kopf geht.

In anderen, auch nicht wenigen Momenten aber, bin ich wirklich mit dem Kopf in ganz wichtigen Dingen vertieft. Meist sitze ich dabei in meinem kleinen Office und versuche meine Kunden zufrieden zu stellen. Das ist nicht einfach. Und dabei darf man schon mal so wirken, als wäre man nachdenklich. Ist nix Schlimmes. Allet jut.

Trotzdem Danke der Nachfrage.