London

Alle sind sie Londoner. Und ich bin es jetzt auch. Nach Hunderten Meilen in der Londoner U-Bahn darf ich mich so nennen. Den Titel kriegt nicht jeder. Nun ist er mein.

Am Anfang war ich nur ein einfacher Tourist. Ein Reisender, den man den zwei größten vorherrschenden Gruppierungen in London nicht so recht zuzuordnen wußte. Da sind zum Einen die Unscheinbaren, die sich ihrer Umgebung vollends angepasst haben. Ihr Kredo lautet: „Alles, nur nicht auffallen“. Der zweite Haufen ist das totale Gegenteil zur Anpassungsmasse. Die wollen gesehen werden. Knallige Klamotten, schrille Frisuren, ein lautes bzw. ein nicht zu überhörendes Wesen legt dieser Typ von Londoner an den Tag.

Und was verbindet die Menschen dieser zwei Kategorien miteinander?

In der Tube ist ein jeder für sich. Alleine! Es gibt quasi kein Miteinander. Keine zusammenhängende Gruppen- oder Paarbildung. Das zumindest war mein Eindruck. Es wurde auch nicht großartig geredet. Klar, der eine und andere labertierte oder quakte wild vor sich her und zuweilen auch mit sich selbst. Der gemeine Tuber jedoch lass still seine Zeitung, hörte Musik oder taktierte sein Smartphone. Und alle hatten sie ihre Stöpsel in den Ohren. Ein befremdlicher Anblick. Ich habe mir irgendwann einfach die Enden der Strippen meiner Kabutzenjacke in die meinen geklemmt, um mich zumindest optisch anzupassen. Da sitzt Du dann mit den Stricken in den Ohren und kämpfst gegen die Druckunterschiede in der Tube an. Das ist auch so eine Sache. Wirklich niemand außer mir schien diese Drucksprünge, wie man sie aus dem Flieger kennt, zu spüren.

Das unentwegte Knacken in den Ohren und das daraus resultierende schlechte Hörvermögen – es nervte einfach alles. Also entweder sind die Londoner allesamt eingeschworene Apnoetaucher oder sie verfügen über irgendeine Art Trick mit diesen Druckschwankungen umzugehen. Und so war es dann auch. Langgezogenes Gähnen, Kaugummi kauen oder das schlichte „Allesinsichhineinschlingen“ sind des Tubers Lösungen. Der Druck weicht und die Qual hat ein Ende. Nebst den Schnüren in den Ohren, begann ich also die Vorräte aus meinem Rucksack wegzurationalisieren. Und so wurde ich zum Londoner. Mit Pseudo Stöpseln in den Muscheln und vollem Mund durch den Untergrund.

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Asoziales Netzwerk

Eine Busfahrt die ist lustig. Eine Busfahrt die ist schön … schöne Scheiße!

Um 2 Uhr Nachts wurde ich von monotonem Getrommel des Regens wach. Das muss auch der Moment gewesen sein, an dem mir klar wurde, dass es heute nicht mit dem Motorrad zur Arbeit geht. Und da die Holde das Auto verplant hatte, blieb mir nur die Fahrt durch die Öffentlichkeit mit dem Nahverkehr übrig. Ich gebe zu, dass kann ungemein interessant sein am Puls der Gesellschaft die zahlreichen Abgründe, die frühpubertären Hormonausstöße und die fortwährende Resignation serviert zu bekommen. Quasi „unscripted Reality“. Man braucht jedoch einen starken Magen bzw. sollte man etwaige Sinnesorgane kontrollieren, besser noch auf Wunsch abschalten können. Letzteres hätte ich heute gerne gekonnt.

Skurril, wenn schräg gegenüber ein Herr im Nadelstreifenanzug und mit Aktenkoffer auf dem Schoß bereits die zweite Dose Starkbier ansetzt und in einem Zug (in einem Bus) leert. Und das direkt unter dem „Essen und Trinken verboten“ Schild. Schönes Motiv. Das zu knipsen habe ich mich aber nicht getraut. Der Herr war mir dann doch zu sehr geladen – emotional und Biertechnisch.

Da waren dann noch die fünf Halbstarken, die über irgendeine Yvonne fachsimpelten. Alice Schwarzer hätte hier Stoff für einen ganzen Band sammeln können. Wenn man davon ausgeht, dass sich Vokabular und Auftreten zu großen Teilen in dem Elterlichen Einfluss begründen lassen, dann waren diese Fünf allesamt Waisen. Eine Mischung aus Mitleid und Wut beschlich mich. „Haltet Eure verdammten Schnauzen Ihr Frauen verachtende Brut“ dachte ich. Denn so gehört sich das. Denken kann man viel. Es der Welt auf nüchternen Magen zu kredenzen, dass sollte man besser lassen – wenn man denn weiß, was Anstand ist.

Geplättet und irgendwie auch satt vom „asozialen“ Netzwerk „Busline 27„ habe ich mich dann ausgeklinkt und meine Kopfhörer eingeklinkt. Den Rest der Fahrt gab es dann nur noch BoNKERS für mich. Und das mit Recht.