Eingemauert?

Ein Kind der Wendezeit.

Genau ein Monat nach dem Mauerfall feierten wir gemeinsam meinen 12. Geburtstag. Ein Monat, der bereits so viel Neues mit sich brachte. Es war eine chaotische Zeit des Um- und Aufbruches. Und wir waren mittendrin. Ich war zu jung, um die Zusammenhänge im Ganzen verstehen zu können. Wiederum war ich alt genug, so dass ich heute rückblickend meinen Eindruck wiedergegeben kann.

Auf Rügen, in der beschaulichen Hafenstadt Saßnitz waren wir weit ab vom Schuss, so dass uns die Vorgänge in Berlin, Leipzig, Rostock und in den vielen weiteren Demonstrationshochburgen verborgen blieben. Und so kam es auch, dass der 9. November für uns ein Tag, wie jeder andere war. Erst am Morgen danach, am 10., hörte meine Mutter im Radio auf DT64 eine Live Reportage vom Kudamm. Ihr erster Gedanke – so früh am Morgen schon ein fiktionales Hörspiel im Radio – die spinnen wohl. Doch schnell begriff sie, dass sie da im Radio die Gegenwart, und aus heutiger Sicht, Geschichte pur serviert bekam. Sie rief meinen Vater zu sich und beide begannen erst gespannt zu lauschen und dann aufgeregt zu diskutieren. Jetzt wurden wir, meine zwei Jahre jüngere Schwester und ich aufmerksam. Es war irgendetwas passiert. Und ab da änderte sich alles.

Die Schulen halb leer. Betriebe unterbesetzt. Niemand hatte einen Plan. Und schon kehrten die Ersten aus dem anderen Deutschland wieder heim. Warst Du wirklich drüben? Wie war es da? Haste was mitgebracht? Irgendwann sind wir dann auch in den Westen gefahren. Knapp 3 Wochen später. Nach Lübeck. Einfach mal gucken. Überwältigend war das. Eine Reizüberflutung für uns Kinder und für meine Eltern eine Menge Unsicherheit gepaart mit Neugier.

Wie schon erwähnt, Rügen war weit weg vom Rummel. Daher kannten wir Inselkinder auch kein Westfernsehen. Den ersten Kontakt mit westlichen Medien hatte ich knapp ein Jahr zuvor, als wir meine Tante in Berlin besuchten. Die hatte unzählige, mir nicht bekannte Sender in ihrer Glotze zur freien Auswahl. Ein echter Kulturschock für mich. Bis dato war das Fernsehen nicht wirklich eine Option. Wunschbriefkasten, Fernsehballett oder Sandmann? Das ging mir am Allerwertesten vorbei. Aber diese unbekannte Sendervielfalt und ins besondere dieser eine Film – Planet der Affen – ließen mich, wieder daheim in Saßnitz, lange nicht los. Was habe ich an der Antenne rumgebastelt und die Senderfrequenzen hoch und runter durchgesucht. Immer in dem Bewusstsein – das ist irgendwie nicht richtig. Hinterfragt hatte ich das Ganze nicht wirklich. Und die Zeit verging und ich verlor das Interesse an der fernen Fernsehlandschaft wieder.

Wir Kinder der Insel langweilten uns deshalb nicht. Wir hatten die Ostsee vor der Tür oder waren in Wald und Flur unterwegs. Irgendetwas gab es immer zu tun. Die Modelleisenbahn AG in der Schule. Bei Oma Schallplatten lauschen und dabei mit Buntstiften der Kreativität freien Lauf lassen. Mit Opa in der Garage rumwerkeln. Oder mit den Kumpels auf unseren Fahrrädern durch die Weltgeschichte rasen. Es gab genug Kurzweil für uns. Rügen war für mich ein wahr gewordener Traum.

Auch noch nach der Wende. Das Leben ging natürlich weiter. Anfänglich weniger geordnet und dennoch voran. Neues Schulsystem. Gymnasium. Neues Auto. Golf „Madison“. Und die weite Welt. Frankreich. England. Italien. Und, und, und. Mit meinen Eltern entdeckten wir nun das restliche Europa. Polen und Tschechei kannten wir ja zur Genüge. Und die Zeit ging weiter ins Land. Von Rügen nach Rostock. Schulende. Ausbildung. Bundeswehr. Job und dann die eigene Familie. Und nun?!

Zusammen mit meiner 10jährigen Tochter sitze ich gelangweilt vor der Glotze. Tausende bunte Kanäle und nur Mist. Und dann bleibe ich bei diesem einen Sender hängen. 25 Jahre Mauerfall. Die Bilder aus Berlin, die mir heute mehr als damals eine Gänsehaut und einen Knoten im Hals verschaffen. Und dann fragt mich meine Lütte. Papa, du hast doch auch in der DDR gelebt. Wie war es da? Ich überlege kurz und sage dann entschlossen. Es war eine andere Zeit. Aber es war auch wunderschön. Sie entgegnet mir. Aber die im Fernsehen sagen, dass das alles nicht gut war in der DDR. Das mag sein, entgegne ich ihr. Ich war damals noch ein Kind. Mir ging es gut. Unserer Familie ging es gut. Es gab viele Dinge, die wir nicht hatten und vielleicht auch deshalb nicht vermissten. Es ist mir nicht möglich ihr im Detail zu erklären, was mich mit der DDR und auch mit der Wendezeit so verband.

Stunden später, als ich das hier zu Papier gebracht hatte, war mir dann klar, warum ich alles so und nicht anders hätte noch einmal erleben wollen. Es waren nicht die DDR, die verwirrten Wendezeiten und auch nicht das Danach in einem vereinten Deutschland, was mich in meinen Erinnerungen fesselte. Nein. Es ist die Familie, die vielen lieben Menschen mit denen ich diese Zeiten erleben durfte, die mich prägten und zu dem machten, der ich heute bin. Viele dieser Menschen sind heute nicht mehr da. Aber damals waren sie es und darum möchte ich nichts von alledem missen. Ich hoffe meine Tochter wird eines Tages verstehen, was ich damit meine.

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Sind wir schon da?

Ob nun auf ausgedehnten Touren oder auch auf kurzer Strecke, das Fahren mit dem Auto kann einem ziemlich aufs Gemüt schlagen. Gut beraten ist da der, der seine Wegbegleiter so richtig motivieren kann. Schon weit bevor das periodische „Wann sind wir endlich da?“ vom Beifahrersitz, der Rückbank oder aus dem Kofferraum dringt, kann das Einbringen von selbstmoderierten Autospielen für Kurzweil sorgen.

Dank der jähen Automasse, mit der man sich die Straßen teilen darf oder muss, ist das folgende Spiel absolut unterhaltsam und altersübergreifend spielbar. Voraussetzungen für den optimalen Spielfluss sind die eigene Sehkraft, das Erkennungsvermögen vorab festgelegter Autotypen und das Herausbrüllen selbiger Fahrzeugmarken durch jeden einzelnen Mitspieler. Meine Familie hat auf diese Regeln hin das Smartspiel ins Leben gerufen.

Funktionsweise wie folgt: Jeder erkannte Smart ergibt genau einen Punkt. Wer den Smart zuerst gesehen hat und dies kundtut, darf sich diesen Punkt gutschreiben. Das alleine macht das Smartspiel natürlich noch nicht spannend. Es müssen Sonderkonditionen her. Meine Holde arbeitet bei einer bekannten Rostocker Wohnungsgesellschaft. Nennen wir sie der Einfachheit einfach „Leben in Rostock“ – kurz LiRo. Quert ein Dienstfahrzeug des gleichnamigen Unternehmens den Blick eines Mitspielers und hat er dies nicht nur erkannt, sondern auch vor den Anderen mitgeteilt, darf er sich direkt 10 Punkte einstreichen. Weitere 10 Punkte fallen auf die immer seltener anzutreffenden Trabanten an. Auch Kombinationen lassen den Punktestand nach oben klettern. Quasi der LiRo-Smart und der LiRo-Trabant werden mit je 20 Punkten extra belohnt. Und es gibt sie wirklich. 30 Punkte erhält man für die LiRo-Werbebotschaft auf öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich denke das Prinzip ist klar. Einfach mal ausprobieren. Der Spaß kommt dann AUTOmatisch.

Und noch ein Tipp für „Alleinerumherfahrer“. Falls sich der Verkehr dickflüssig vor, hinter, rechts und links von Euch durch die Straßen quält, dann wird es Zeit für das Radiospiel. Das Handling ist fix geklärt. Schaut den Feind, im Rückspiegel auf den Mund und ratet los, welchen Sender er wohl gerade hören mag. Ein Abgleich mit den zur Verfügung stehenden Radiosendern ist dabei unverzichtbar. In der Hoffnung, dass der oder die Andere auch wirklich Radio hört und nicht andere Medien bedient, ist dieses Spiel durchaus eine Herausforderung. Pro erkannten Sender gibt es dafür einen selbstausgeführten Schulterklopfer.

Allerdings sollte man sich nicht zu sehr in dieses Spiel hineinsteigern. Eventuell könnte die Aufmerksamkeit darunter leiden – bezogen auf den restlichen Straßenverkehr und dessen Teilnehmer. Auch ist davon abzuraten, den singenden Ratevorlagen durch Gestiken oder etwaigen Gebrüll Korrekturen zu den getätigten Sangeseinlagen zukommen zu lassen. Nicht immer ist der Typ hinter Dir in dem Mini Couper schrumpelige 1,50m groß.

Viel Spaß beim Nachspielen. Ob nun auf ausgedehnten Touren oder auch auf kurzer Strecke, das Fahren mit dem Auto kann einem ziemlich aufs Gemüt schlagen. Gut beraten ist da der, der seine Wegbegleiter so richtig motivieren kann. Schon weit bevor das periodische „Wann sind wir endlich da?“ vom Beifahrersitz, der Rückbank oder aus dem Kofferraum dringt, kann das Einbringen von selbstmoderierten Autospielen für Kurzweil sorgen.

Dank der jähen Automasse, mit der man sich die Straßen teilen darf oder muss, ist das folgende Spiel absolut unterhaltsam und altersübergreifend spielbar. Voraussetzungen für den optimalen Spielfluss sind die eigene Sehkraft, das Erkennungsvermögen vorab festgelegter Autotypen und das Herausbrüllen selbiger Fahrzeugmarken durch jeden einzelnen Mitspieler. Meine Familie hat auf diese Regeln hin das Smartspiel ins Leben gerufen.

Funktionsweise wie folgt: Jeder erkannte Smart ergibt genau einen Punkt. Wer den Smart zuerst gesehen hat und dies kundtut, darf sich diesen Punkt gutschreiben. Das alleine macht das Smartspiel natürlich noch nicht spannend. Es müssen Sonderkonditionen her. Meine Holde arbeitet bei einer bekannten Rostocker Wohnungsgesellschaft. Nennen wir sie der Einfachheit einfach „Leben in Rostock“ – kurz LiRo. Quert ein Dienstfahrzeug des gleichnamigen Unternehmens den Blick eines Mitspielers und hat er dies nicht nur erkannt, sondern auch vor den Anderen mitgeteilt, darf er sich direkt 10 Punkte einstreichen. Weitere 10 Punkte fallen auf die immer seltener anzutreffenden Trabanten an. Auch Kombinationen lassen den Punktestand nach oben klettern. Quasi der LiRo-Smart und der LiRo-Trabant werden mit je 20 Punkten extra belohnt. Und es gibt sie wirklich. 30 Punkte erhält man für die LiRo-Werbebotschaft auf öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich denke das Prinzip ist klar. Einfach mal ausprobieren. Der Spaß kommt dann AUTOmatisch.

Und noch ein Tipp für „Alleinerumherfahrer“. Falls sich der Verkehr dickflüssig vor, hinter, rechts und links von Euch durch die Straßen quält, dann wird es Zeit für das Radiospiel. Das Handling ist fix geklärt. Schaut den Feind, im Rückspiegel auf den Mund und ratet los, welchen Sender er wohl gerade hören mag. Ein Abgleich mit den zur Verfügung stehenden Radiosendern ist dabei unverzichtbar. In der Hoffnung, dass der oder die Andere auch wirklich Radio hört und nicht andere Medien bedient, ist dieses Spiel durchaus eine Herausforderung. Pro erkannten Sender gibt es dafür einen selbstausgeführten Schulterklopfer.

Allerdings sollte man sich nicht zu sehr in dieses Spiel hineinsteigern. Eventuell könnte die Aufmerksamkeit darunter leiden – bezogen auf den restlichen Straßenverkehr und dessen Teilnehmer. Auch ist davon abzuraten, den singenden Ratevorlagen durch Gestiken oder etwaigen Gebrüll Korrekturen zu den getätigten Sangeseinlagen zukommen zu lassen. Nicht immer ist der Typ hinter Dir in dem Mini Couper schrumpelige 1,50m groß.

Viel Spaß beim Nachspielen.

Das Blatt weiß es nicht

Traurig und zerschlissen hängt ein Blatt am Aste,
wie sturmgepeitschte Stoffreste am Fahnenmaste.
Die anderen wollten nicht bis zum Ende warten.
Drum verrotten Sie da unten, unter ihm im Garten.

Fragend, was nun aus ihm werde,
riss ein Windhauch auch jenes Blatt zur Erde.
Da liegt es nun auf seinesgleichen.
Blatt auf Blatt – totes Laub aus Blätterleichen.

Die Frage, die am Ende steht und bleibt.
Warum das Leben diesen Weg so schreibt?
Die Antwort lautet: So ist die Natur.
Ein ewiger Kreislauf – Routine pur!

Was wäre wenn? Wäre es so leicht?
Und diese knappe Antwort reicht,
um den Sinn des Lebens zu beschreiben.
Würde ich es so halten? Würde ich so verbleiben?

Wir sind uns „Unser“ bewusst.
Da ist es, was es ist!
Der Preis für Liebe, Wärme und Glück im Leben
ist das Bewusstsein – auf Nehmen, folgt geben.

Drum bin ich froh, kein Blatt zu sein.
Lebe mit meinen Liebsten – bin nicht allein.
Lebe mit Erinnerungen – an das, was einst war.
Bin mir meiner bewusst und sehe klar.

Sleeptimer

00:16 Uhr – Aller guten Dinge sind drei. Das heißt, ich hab den Timer an der Glotze zum dritten Mal verlängert. Und ihr Inhalt erbricht sich auf mich. Ohne ein solides Grundgequassel kann ich nicht einschlafen. Konnte ich noch nie. Einst waren es die monotonen Unterrichtsstunden, die mich am Wachbleiben hinderten. Heute ist es zumeist der mediale Eintopf, der mich in meinen Schlaf wiegt. Meine Holde tickt anders. Fernseher an – und weg ist sie. Unsereins braucht etwas länger. Wie bei so vielem.

Der Flackerschirm kotzt weiter, und ich versuche mich in den Schlaf zu lümmeln. Das ist nicht ganz einfach. Ich beanspruche die Creme de la Creme der Eindruselsoße. DMAX ist oft zu interessant, wenn Monsterfische gejagt, Garagen zu Gold, Autos und Bikes restauriert und Alltagsgegenstände in die Luft gejagt werden. Auf Talkshows kann ich auch nicht. Dummes Geschwätz regt auf und hält wach. Kluge Worte aber auch. Mein Favorit in Sachen: „Wie drifte ich perfekt ins Schlummerland ab“ ist Super RTL. Da läuft zur späten Stunde die Dauerwerbeschiene von „Shop 24 Direkt“. Perfekt. Daumen hoch.

Ob nun „Blue Velvet“ von Bobby Vinton aus dem Jahre 1963 oder „House Of The Rising Sun“ von The Animals, diese Songs, die es da auf die Ohren gibt, lassen einen herrlich auf der Autobahn in Richtung „Tiki Taka Trullaland“ beschleunigen. Was muss das damals für eine geile Zeit gewesen sein? Der total „normale“ Alltagswahnsinn von heute war offenbar nicht existent. Das rede ich mir jedenfalls ein. Keine Handys, kein Internet, kein Firlefanz, kein Pipapo. Was würde ich für nur einmal Woodstock geben? Hendrix, Joe Cocker, Richie Havens – handgemachte und mit Herz gelebte Musik. Echt und einfach und sehr charmant.

Heute scheint mir das anders zu sein: Hits, Trends, Mode … alles kommt, geht, wird vergessen. Als hätte nichts mehr Bestand. Die technischen Errungenschaften, die alles vereinfachen sollen, ketten uns an. Damals, als Lausbub, bin ich in den Ferien früh los und spät heim. Keiner musste sich um mich sorgen. Heute gibt es Handys. Erreiche ich meine Lütte nicht, geht das Kopfkino an. Ich werde zur Geisel des Fortschritts. Bleibt nur die Flucht in eine verträumte, vergangene Zeit. Oder nicht? Was weiß ich? „Sweet Dreams“ und Gute Nacht.

Ich bin ein Zeitreisender

Im Auto auf dem Weg hin oder auch von wo auch immer. Beim Gemüseschnippeln in der Küche. Im kleinem Laden unten an der Ecke. Oder am Schreibtisch, im Büro, mit den Kopfhörern aufm Kopf. Radio. Die letzte wirkliche Bastion in Sachen Musik und Information. Mal abgesehen vom alltäglichen Mainstream kann Dir die mannigfaltige Senderlandschaft da draußen wahrhaftige Zeitreisen ermöglichen. Spontane Zeitreisen. Ohne Gepäck, ad hoc und ohne Rücktrittsversicherung. Denk Dich da einfach mal rein. Du tust irgendwas. Und plötzlich kommt da dieser eine Song im Radio. Einer der Dich mitnimmt und alles andere vergessen lässt. Und – bämm – du bist weg – weit weg.

„Sisters of Mercy“ mit „Temple of Love“ zum Beispiel. Ich war 16 oder 17 und durfte das in das erste Mal in die Disco. „Jolly Bubble“ hieß der Laden. Mir ist als wäre es gestern gewesen. Der Druck der Bässe, die irre Lichtshow, der künstliche Nebel und natürlich auch die Auswüchse meiner Pubertät – ich war high – auch ohne Rauschmittel. Den Laden gibt es schon Ewigkeiten nicht mehr.

Oder „Four Non Blondes“ mit „What’s Up“. Da war ich auch um die 17 Jahre alt. Kurz vor dem Umzug weg von Rügen, weg von Saßnitz, weg von meiner Heimat. Ihr Name war Sandra. In die Parallelklasse ging sie. Oben an der Straße zur Schule trafen wir uns hin und wieder. Wie auch an jenem Tag an dem Sie nach meinem Walkman fragte. Ich reichte ihr die Kopfhörer. Sie lauschte und sang ganz unbefangen diesen Song. „What’s Up“! Sie hatte Rauch in der Stimme. Alles andere ist verblasst. Höre ich den Song heute, bin ich schlagartig wieder an der Ecke oben an der Straße kurz vor der Schule.

Das Gro an Zeitreisen haben meine Kindheit und Jugend zum Ziel gehabt. Am FKK in Glowe hörte man die Ferienwelle. Aus dem kleinem schwarzen Weltempfänger trällerte unteranderem das Italo Pop Duo „Al Bano & Romina Power“ ihren Frohmut in die Welt hinaus. Das „Electric Light Orchestra“ war mein Weggefährte auf stürmischen Strandspaziergängen im Winterlichen Dänemark. „Westbam“ und „Motte“ – stehen für mich für ein buntes Berlin. Ganze 4 Mal hab ich auf der Loveparade mitgeraved. „No Doubt“ und „Tony Braxton“ hingegen erwärmen mir mein Herz. Waren sie doch aktuell, als ich meine große Liebe kennen lernte. Das alles sind Initialzündungen und der Treibstoff für meine Zeitreisen.

Und jetzt noch ein Tipp vom Reiseveranstalter. Man kann sich auch bewusst beziehungsweise geplant auf Reise begeben. Kramt einfach mal in Euren alten Musiksammlungen. Schallplatte und Kassette tun es auch. Und ab geht der Trip. Viel Spaß dabei und guten Flug.

Runde Geburtstage

Ob nun den 50sten, … 60sten, … 70sten, … 80sten oder vielleicht auch noch höher angesetzt – runde Geburtstage sind und bleiben einfach etwas sehr Schönes. Ein dicker Freund von, ich nenne es mal „normalen“ Geburtstagen, bin ich nicht. Erst recht nicht, wenn es um den eigenen Geburtstag geht. Meine Abneigung dem eigenem Ehrentag gegenüber lass ich heute mal außen vor. Nein. Heute will ich einfach nur freundlich resümieren. So ein runder Geburtstag ist eine runde Sache.

Selbstverständlich steht das Geburtstagkind an diesem, seinem Tag im Fokus aller Gratulanten und zuweilen genießt es diesen sehr. Das sei dem Anlass so geschuldet. So soll es auch sein. Was ICH aber an diesen Treffen so mag, ist die Tatsache, dass man den Rest der Sippe auf einem Haufen zusammengekehrt antreffen kann. Und seien wir mal ganz ehrlich, wenn nicht gerade jemand heiratet, konvertiert, konfirmiert, etc., dann sind es eher die traurigen Anlässe, die so viel Resonance beim Rest der Familie erzeugen bzw. deren Anwesenheit begründen.

Alle paar Jahre so ein Fest initialisiert, wo man sich herzt und drückt, wo man alles auf einen aktuellen Informationsstand bringen kann und wo kräftig abgefeiert wird, bis man irgendwann erschöpft die Heimreise antritt. Das alles macht für mich einen runden Geburtstag aus. Das totale Miteinander.

Man staunt zuweilen über den Nachwuchs, der entweder gewachsen, wenn nicht sogar erwachsen geworden zu sein scheint. Natürlich ist nicht viel Zeit da. Man muss sich sputen. Daher werden die letzten Jahre und Monate grob abgeglichen. Die Erlebnisse, die Ergebnisse und auch die Verluste werden gezählt, erzählt oder verzählt. Man scherzt, man lacht und auch ein paar Tränen dürfen fallen. Hauptsache ist jedoch, man hat die Menschen um sich, die man liebt, schätzt und auch verehrt.

Diese Erkenntnis ist noch nicht lange mein. Sie ist es aber geworden. Heute sehe ich viele Dinge mit anderen Augen. Quasi aus einem anderen Blickwinkel. Bin wohl auch gewachsen.

Hast Du schon einmal versucht, Dich in Deine Familie und deren Lebensmitte reinzuversetzen? Jeden Einzelnen zu verstehen? Wie er oder sie tickt? Warum sie das tun, was sie tun? Wieso Du sie liebst, schätzt und auch verehrst? Tu es einfach! Hinterfrag sie für Dich. Dann verstehst Du auch wie wichtig Familie ist. Familie ist eben alles. Ohne geht es nicht. Ohne ist man nichts. Darum freue ich mich schon jetzt auf den nächsten runden Geburtstag im Kreise meiner Familie.

Asoziales Netzwerk

Eine Busfahrt die ist lustig. Eine Busfahrt die ist schön … schöne Scheiße!

Um 2 Uhr Nachts wurde ich von monotonem Getrommel des Regens wach. Das muss auch der Moment gewesen sein, an dem mir klar wurde, dass es heute nicht mit dem Motorrad zur Arbeit geht. Und da die Holde das Auto verplant hatte, blieb mir nur die Fahrt durch die Öffentlichkeit mit dem Nahverkehr übrig. Ich gebe zu, dass kann ungemein interessant sein am Puls der Gesellschaft die zahlreichen Abgründe, die frühpubertären Hormonausstöße und die fortwährende Resignation serviert zu bekommen. Quasi „unscripted Reality“. Man braucht jedoch einen starken Magen bzw. sollte man etwaige Sinnesorgane kontrollieren, besser noch auf Wunsch abschalten können. Letzteres hätte ich heute gerne gekonnt.

Skurril, wenn schräg gegenüber ein Herr im Nadelstreifenanzug und mit Aktenkoffer auf dem Schoß bereits die zweite Dose Starkbier ansetzt und in einem Zug (in einem Bus) leert. Und das direkt unter dem „Essen und Trinken verboten“ Schild. Schönes Motiv. Das zu knipsen habe ich mich aber nicht getraut. Der Herr war mir dann doch zu sehr geladen – emotional und Biertechnisch.

Da waren dann noch die fünf Halbstarken, die über irgendeine Yvonne fachsimpelten. Alice Schwarzer hätte hier Stoff für einen ganzen Band sammeln können. Wenn man davon ausgeht, dass sich Vokabular und Auftreten zu großen Teilen in dem Elterlichen Einfluss begründen lassen, dann waren diese Fünf allesamt Waisen. Eine Mischung aus Mitleid und Wut beschlich mich. „Haltet Eure verdammten Schnauzen Ihr Frauen verachtende Brut“ dachte ich. Denn so gehört sich das. Denken kann man viel. Es der Welt auf nüchternen Magen zu kredenzen, dass sollte man besser lassen – wenn man denn weiß, was Anstand ist.

Geplättet und irgendwie auch satt vom „asozialen“ Netzwerk „Busline 27„ habe ich mich dann ausgeklinkt und meine Kopfhörer eingeklinkt. Den Rest der Fahrt gab es dann nur noch BoNKERS für mich. Und das mit Recht.